Forschungsstand

Bei der folgenden Übersicht handelt es sich um einen Auszug aus dem bisherigen Forschungsstand. Aufgrund des etwas begrenzten Platzes vermag dieser Auszug nicht alle Quellen vollumfänglich darzustellen. Eine umfangreichere Darstellung findet sich im Buch.

Das Verbrechen der Straßburger Schädelsammlung wurde erstmals in Eugen Kogons[1] 1946 erschienenem Buch zum SS-Staat erwähnt. In ihm wurde Hirt als Urheber und Nutznießer der Schädelsammlung genannt. In dem 1967 publizierten Standardwerk Heinz Höhnes[2] zur Geschichte der SS geht es nur am Rande um Medizinforschung; die „Straßburger Skelettsammlung“ wird nicht erwähnt. Die jüngste und fundierteste Himmler-Biographie von Peter Longerich aus dem Jahre 2008[3] streift das Thema Medizin lediglich und erwähnt Hirt und das Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung ebenfalls nicht. Wolfram Sievers wird nur an zwei Stellen erwähnt – im Zusammenhang mit seiner frühen Berufung zum Generalsekretär des Ahnenerbes und im Zusammenhang mit paläontologischen Forschungen.

Das große Interesse Himmlers an medizinischen Themen wurde im 1999 von Michael Wildt und anderen Zeithistorikern herausgegebenen Dienstkalender Himmlers untermauert. Dort sind die medizinischen Fragestellungen und häufigen Arztkontakte Himmlers präzise dokumentiert.[4]Auch die Fall- beispiele von Ärzten, die sich der SS andienten, in Wildts Arbeit zum Füh- rungspersonal des Reichssicherheitshauptamtes (erschienen 2002 unter dem Titel „Generation des Unbedingten“)[5]belegen das Zusammenspiel zwischen dem nach Erkenntnissen suchenden Himmler einerseits und den Medizinern, die Forschungsfelder jenseits ethischer Grenzen oder einfach nur menschliche Versuchspersonen suchten. Die Schädelsammlung wird jedoch auch hier nicht thematisiert.

Im Bereich der SS-Medizin und des Ahnenerbes ist Michael Katers Ahnen- erbe-Betrachtung in der überarbeiteten Version von 1974 nach wie vor das Standardwerk.[6]Es ist nach den Forschungsgebieten des Ahnenerbes gegliedert. Kater beschreibt die Rolle von Sievers in seiner Funktion als Reichsgeschäftsführer des Ahnenerbes, zeigt ihn jedoch als Vollstrecker von Himmlers Willen und in den nichtmedizinischen Abteilungen von Wüsts[7] Normen. Die Medizin im Ahnenerbe wird nur auf 28 von 350 Seiten des Buches behandelt, dies aber mit großer Gründlichkeit und – bei schwacher Quellenlage – mit sorgfältiger Abwägung. Kater argumentiert, dass Hirt aus dem Grunde zum Mittäter wurde, weil er als Anatom ohne viel Aufwand Leichen und Skelette als Übungsmaterial für die Studenten im universitären Lehrbetrieb benötigte. Offenbar waren Kater jene Quellen nicht zugänglich, die zeigen, dass Hirt ohnehin unabhängig von der gegenständlichen Sammlung Skelette von verstorbenen Häftlingen in großer Menge erhielt. Zutreffend ist sein Hinweis, dass in der Literatur bislang stets von Skelettsammlungen geschrieben wurde, es sich jedoch um das Vorhaben einer Schädelsammlung handelte. Katers großes – jedoch meist unbeachtetes – Verdienst ist es, dass er deutlich festgestellt hat, dass das Abwälzen der Verantwortung vom Ahnenerbe, von Beger und sich selbst auf Hirt und die staatliche Universität eine Verteidigungsstrategie des um sein Leben kämpfenden Sievers war.

In dem Buch „Die Namen der Nummern“ aus dem Jahre 2007 hat Hans-Joachim Lang mit großem Fleiß die Biographien jener 86 Menschen, die für die Schädelsammlung im Konzentrationslager Natzweiler ermordet wurden, recherchiert und auch einige biographische Stationen Hirts vor seiner Versetzung nach Straßburg präzise geschildert.[8] Allerdings unterstellt der promovierte Germanist Lang bemerkenswert freihändig die alleinige Urheberschaft für das Verbrechen August Hirt, qualifiziert Bruno Beger als unbedeutenden Mittäter und ignoriert jeden gegenteiligen Beleg. Es ist Lang anzurechnen, den 86 bis dahin anonymen Opfern von Beger und Hirt Namen, Gesicht und Biographie zurückgegeben zu haben. Über diese anerkennenswerte Gedenkarbeit hinaus weist das Werk jedoch erhebliche methodische und sachliche Unschärfen auf: Lang zitiert beispielsweise ausgiebig aus „Hornung, The Natzweiler Concentration Camp“.[9] Dieses Buch wird einige Male mit einer Fundstelle des National Archives and Records Administration in Washington D.C. zitiert. Allerdings nennt Lang nur „RG 153″ ohne weiteren Zusatz oder Fundstellen.[10] Diese Record Group 153 enthält Hunderttausende Dokumente, darunter die Untersuchungen zur Ermordung Abraham Lincolns und zur Niederlage von General George Armstrong Custer am Little Bighorn im Jahre 1876.[11] Es bleibt offen, weshalb die genauen Fundstellen nicht genannt werden. Dabei ist das im Jahre 1945 von Albert Hornung verfasste Buch „Le Struthof. Camp de la mort“ in deutschen Universitätsbibliotheken sowie in Online-Antiquariaten ohne weiteres erhältlich.[12]Ähnlich verhält es sich mit den Archivalien aus dem United States Holocaust Memorial Museum.[13]Dabei wiederholt sich die Unschärfe: Lang nennt zwei Bestände, die er in diesem Archiv bearbeitet haben will: „Reel 1 Departmental Archives Bas Rhin in Strasbourg Records“ und „Reel 2 Departmental Archives Bas Rhin in Strasbourg Records“. Die beiden „Reels“ enthalten auch wieder verschiedenste Bestände, die über tausend Dokumente beinhalten.[14]Es ist kaum anzunehmen, dass beispielsweise das dort ebenfalls umfassend dokumentierte Massaker von Oradour Grundlage für Langs Buch war.[15]Kurzum: Die Aufnahme von Belegen, die eine bestimmte These stützen, und die Erschwerung der Quellenüberprüfung haben ein lange Zeit viel beachtetes Projekt – „Die Namen der Nummern“ – hervorgebracht. Die Tatsache, dass es Hans-Joachim Lang gelungen ist, mit intensiver Gedenkarbeit die Leiden der Opfer so stark ins öffentliche Bewusstsein zu heben und ihr Andenken zu bewahren, ist ehrenwert und dem Autor hoch anzurechnen. Sein Buch ist unverzichtbar bei der moralischen Bewertung eines der unmenschlichsten NS-Verbrechen. Aus diesem Grunde mag man beim Anlegen wissenschaftlicher Maßstäbe nachsichtig sein. Die schlussendlich erfolgte Überprüfung der verwendeten Quellen Langs im Rahmen dieser Studie ermöglicht darüber hinaus, den von Lang geschilderten Tatablauf entsprechend der tatsächlichen Ereignisse und Zusammenhänge zu ergänzen.

Das jüngste Werk zur Tibet-Expedition stammt – unter dem Titel „Nazis in Tibet: Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer“ – von dem Religionswissenschaftler, Journalisten und Tibet-Kenner Peter Meier-Hüsing. Es versteht sich als populärwissenschaftliche, fesselnd geschriebene Darstellung der Expedition von Beger und Schäfer nach Tibet.[16]Dabei beleuchtet Meier-Hüsing ebenfalls, wie weit bei Begers anthropologischer Vermessung der Tibeter Anspruch und Realisierbarkeit auseinander lagen.

Irmtrud Wojak zeichnete in ihrer Habilitationsschrift über Fritz Bauer aus dem Jahre 2009 das Leben von Fritz Bauer mit vielen Details und bisher unbekannten Zusammenhängen nach.[17]So wird eine oft neue Sicht auf die Hintergründe der von Fritz Bauer geführten oder angestoßenen NS-Strafverfahren ermöglicht. Das Verfahren gegen Bruno Beger nimmt dabei weniger als drei Seiten von weit über 400 Seiten ein. Dabei wiederholt Wojak im Wesentlichen ihre Ergebnisse aus einem zehn Jahre zuvor publizierten Aufsatz.[18]Auch wenn das Werk sehr hilfreich ist, um die Persönlichkeit Fritz Bauers – und damit dessen Motivation, Bruno Beger anzuklagen – besser zu verstehen, so übernimmt sie bedauerlicherweise die unbelegte Behauptung Langs, dass das Ziel der Skelettsammlung ein „Museum mit toten Juden als Exponaten“ gewesen sei.

Eine geschlossene Darstellung zum Plan der Straßburger Schädelsammlung fehlt bisher. Diese Lücke soll diese Studie schließen. Hierbei orientiert sie sich mehrheitlich an den Quellen. Dabei wurde vorwiegend mit Beständen gearbeitet, die im National Archive Washington, D.C., im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., im Landesarchiv Berlin, im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, im Archiv des Internationalen Suchdienstes, im Institut für Zeitgeschichte (München), im Stadtarchiv Quedlinburg, im Bundesarchiv an seinen verschiedenen Standorten und weiteren, im Quellenverzeichnis genannten, Archiven zu finden waren. Hinzu kamen Interviews mit Zeitzeugen und Angehörigen, die hier nur dann mit vollem Namen Erwähnung finden, wenn sie dem zustimmten. Recherchen in Auschwitz, Natzweiler-Struthof und Straßburg rundeten die Forschungen zu diesem Buch ab. In der Regel wurden bei allen beteiligten Personen die Grunddaten erhoben – und zwar mit Hilfe der SS-Führerpersonalakten im Bundesarchiv, sofern es sich um SS-Angehörige handelte, beziehungsweise mit Hilfe der Personalakten aus den dortigen DS-Beständen, sofern es sich um Wissenschaftler handelte.

Quellen

[1]Kogon, Eugen: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, 18. Aufl., München 1988 (Originalausgabe 1946).
[2]Höhne, Heinz: Der Orden unter dem Totenkopf, Gütersloh 1967.
[3]Longerich, Peter: Heinrich Himmler. Biographie, München 2008.
[4]Wildt, Michael u. a. (Red. / Hrsg.): Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941 / 42, Hamburg 1999.
[5]Wildt, Michael: Generation des Unbedingten, Hamburg 2002.
[6]Kater, Michael H.: Das „Ahnenerbe“ der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, Stuttgart 1974.
[7]Walther Wüst, (geb. 7.5.1901 in Kaiserlautern, gest. 21.3.1993 in München), Studium der Indo-Iranischen Philologie, der indogermanischen Sprachwissenschaft, der germanischen und deutschen, sowie englischen Philologie, der Völkerkunde Asiens und der allgemeinen, vergleichenden Religionswissenschaft, 1923 Promotion summa cum laude, 1926 Habilitation in indischer Philosophie, 1932 außerordentlicher Professor für Indologie in München. 1933 Eintritt in die NSDAP, Referent verschiedener Stellen der NSDAP, Mitglied der Reichsdozentenführung, 1935 ordentlicher Professor für arische Kultur und Sprachwissenschaft in München, SD-Vertrauensmann, 1935 bis 1941 Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität München, 1937 Eintritt in die SS als Hauptsturmführer, letzter Dienstgrad Oberführer, 1937 Präsident, 1939 Kurator des Ahnenerbe e. V., 1942 Leiter des Amtes A im Persönlichen Stab Reichsführer-SS, 1940 Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1941 Rektor der Universität München, 1945 interniert, 1950 Spruchkammerverfahren, das ihn als „minderbelastet“ einstufte. Daraufhin seit 1951 „Ordentlicher Professor zur Wiederverwendung“ mit monatlichen Bezügen von 1.100 D-Mark (1961), jedoch ohne jemals wieder Verwendung an einer Hochschule zu finden (siehe Klee, Personenlexikon; und HStA Wiesbaden Abt. 461, Nr. 34145 Prozessakte Beger, Aussage Wüst vom 21.4.1961, S. 87 ff.)
[8]Lang, Hans-Joachim: Die Namen der Nummern. Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren, Hamburg, 2004.
[9]Ebd., S. 256 ff.
[10]Ebd., S. 257.
[11]NARA RG 153: In diesem Bestand finden sich Quellen zu allen Fällen des Judge Advocat General, beispielsweise: „Records of U.S. Army War Crimes Trials in Europe: United States of America v. Valentin Bersin, et al., War Crimes Case 6-24, May 16-18, 1946.“ mit sechs Filmrollen oder „Court-Martial Case Files Relating to the ,Hesse Crown Jewels Case,‘ 1944-1952″ mit 13 Filmrollen oder „General Court Martial of Gen. George Armstrong Custer, 1867″ mit einer Rolle oder gar „Investigation and Trial Papers Relating to the Assassination of President Lincoln.“ mit 16 Rollen.
[12]Hornung, Albert: Le Struthof. Camp de la mort, Paris 1945.
[13]Erwähnt wird das „United States Holocaust Museum“, richtig: United States Holocaust Memorial Museum (USHMM); beim erwähnten „National Archive“, zitiert als „NA Wash.“, handelt es sich um die National Archives and Records Administration (NARA).
[14]USHMM, RG-43.050M, Acc. 1997.A.0197 Reel 1:
AL 150 P3: From the Direction regionale de la Police Judiciaire Cite administrative, Strasbourg. Case file with documentary evidence concerning the Schirmeck camp war crimes trial related to the murder of Jews by camp personnel, 1945-1947. Approximately 500 frames.
AL 150 P8: From the Direction regionale de la Police Judiciaire Cite administrative, Strasbourg. Legal procedures number 1 to 80; selected war crimes records related to German atrocities committed in the Belfort territory, 1945-1947. Approximately 200 frames.
Reel 2:
AL 150 P13, Dossier 2020: From the Direction regionale de la Police Judiciaire Cite administrative, Strasbourg. File titled Anatomie de Strasbourg, related to the Natzweiler gas chambers and the medical faculty, particularly Bickenbach, Hagen and Stein, 1945-1947. Approximately 400 frames.
AL 150 P78: From the Direction regionale de la Police Judiciaire Cite administrative, Strasbourg. Case file and investigations into the „Das Reich“ SS division’s actions in Oradour sur Glane, 1945-1947. Approximately 400 frames.
[15]Lang, Nummern, S. 259.
[16]Peter: Nazis in Tibet: Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer, Stuttgart 2017.
[17]Wojak, Irmtrud: Fritz Bauer 1903-1968. Eine Biographie. München 2009.
[18]Wojak, Irmtrud: Das „irrende Gewissen“ der NS-Verbrecher und die deutsche Rechtsprechung. Die „jüdische Skelettsammlung“ am Anatomischen Institut der
„Reichsuniversität Straßburg“, in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.): „Beseitigung des jüdischen Einflusses .“. Antisemitische Forschung, Eliten und Karrieren im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1999.